Von Werten wollen wir nicht sprechen – Annäherung an ein Gesprächstheater | Kapitel I

Das ist keine Dokumentation.

Das ist (k)eine Reflexion über SUPERNAJA, einfach lokal.

Das ist ein Dialog zwischen Kunst und Soziologie.

Peter Haas: Teilnehmender Moderator, Reflekteur & Fragenbeantworter

Karin Scaria-Braunstein: Ferne Kommentatorin & Fragenstellerin

 

SUPERNAJA, einfach lokal

Dokumentarische (also doch!) Fakten:

  • Termine: 02.08. – 16.08.2019
  • Ort: Galerie 5020. Salon rosa/beige, EG (4 Termine);
  • Teilnehmer*innen: 42

 

Eine Deskription des Publikums – Das Publikum ist soziologisch und künstlerisch gruppenzugehörig

SUPERNAJA ist ein temporäres Kunstprojekt zur Hochzeit der Festspiele, in dem sich Menschen, die bereits Gruppen angehören, zu einer Gesprächs-Gruppe zusammenfinden sollten, um über die Darbietungen der (Hoch)Kultur zu sprechen. Aufgrund der Zusammensetzung als Gruppe ergeben sich anatomisch Aufgaben und Erwartungen für die Beteiligten. In einem lokalen Rahmen wie der Kleinstadt Salzburg erfolgt aus der Situation, dass sich die Personen kaum unbekannt gegenüberstehen. Immer weiß jemand etwas über jemanden.

Das Publikum kann lapidar unspezifische als Gruppe definiert werden. Wobei eine Gruppe zunächst in einem soziologischen Sinne bestimmte Merkmale aufweist (vgl. Hillmann 2007: 318f.), u.a.:

  1. Die Gruppe ist eine erfassbare soziale Einheit (SUPERNAJA: insgesamt 42 Menschen an 4 Abenden – „es kommen immer recht wenige“),

Ist das Gespräch in der Gruppe das kollektives Ergebnis einer sozialen Einheit? Das Sprechen und Zuhören erfordert je eine gemeinsame Beteiligung, wodurch die Gruppe in diesen Handlungen zur Einheit werden kann.

  1. sie kommuniziert in einer Art Gruppenjargon (noch zu untersuchen),

In der Gesprächs-Gruppe treffen mitunter verschiedene Jargons aufeinander – und eventuell werden dabei Übersetzungen eingefordert.

  1. und hat gemeinsame Interessen und Ziele (von Werten wollen wir nicht sprechen);

Neben den gemeinsamen Interessen und Zielen sind sehr wohl auch je einzelne Ziele der Gesprächsteilnehmer*innen im Gesprächs-Raum vorhanden. Verkörpert der Moderator das Gruppenziel?

  1. in der Gruppe gelten in irgendeiner Weise Regeln (über den Moderator und seine Vorstellungen wird noch zu verhandeln sein),

Der Grad der Vertrautheit der Regeln aus dem Kunst-/Kulturbetrieb ist unter den Personen durchaus different. Einige Gesprächsteilnehmer*innen sind sehr vertraut mit dem Umfeld (auch mit der Galerie 5020), andere nicht. Aus der Vertrautheit entstehen die hier üblichen Regeln bzw. die Kenntnisse davon (das Bier ist gratis). Usancen schleichen sich ein – spezielle Regeln werden nicht vereinbart (oder verlangt der Moderator doch welche?) 

  1. die Personen nehmen Positionen und Rollen ein (das Publikum hat Beruf/ung),
  2. und agieren kooperativ (nach Georg Simmel auch oppositionell),
  3. mit einem Wir-Gefühl (wenn auch nur temporär),
    1. inklusive einem „zu nahe um zu kritisieren“ Gefühl, das besonders verheerend in der Kleinstadt auftritt, und sich mit dem „weil so nahe kann es ja nicht ganz ernst zu nehmen sein“ Gefühl sich mischt.
    2. Gelingt es dem Gespräch dieser Falle auszuweichen? 
  4. das eine Kohäsion erzeugt.

Ist  die Kohäsion der Grund, warum viele nie kommen würden?

Was eine Gruppe im künstlerischen Verständnis ist, ist schon nicht mehr ganz so einfach zu erfassen. Ist SUPERNAJA ein Künstler*innen-Kollektiv, eine Künstler*innen-Gruppe oder eine Gestaltungsgruppe (wobei wir direkt in die Pädagogik schlittern)? Laut Duden ist die „Künstlergruppe“ ein Synonym für Ensemble oder Truppe und eine Truppe ist entweder ein militärischer Verband, eine an der Front kämpfende Gesamtheit von Streitkräften oder eine Gruppe zusammen auftretender Schauspieler*innen, Artist*innen, Sportler*innen oder ähnliches (siehe Duden online).

Gut, vielleicht steht das Publikum an der Front. In SUPERNAJA kann die Gesprächs-Gruppe verstanden werden als eine Subgruppe des Publikums der lokalen Kunst- und Kulturangebote, das sich in einem für das Gespräch geschaffenen Rahmen zusammentut (eingebettet in den Salzburger Altstadtflair).

Das (lokale) Publikum als Sonderfall der Gruppe wiederum ist „…ein Kreis der Rezipienten… der innerhalb des sozialen Streuungsbereichs solcher Medien die Chance der Nutzung hat.“ (Hildmann 2007: 718).

Eine Gruppe ist aber über die obenstehende Definition hinausgehend überpersönlich gerade aufgrund seiner vielfältigen Zusammensetzung (Simmel 2016: 73). Das Publikum ist Subjekte (siehe oben: unterschiedler Jargon, unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Kenntnisse). Zunächst wird das Publikum soweit bekannt gerne charakterisiert über Beruf(ung):

  • Der Künstler
  • Die Kunsthistorikerin
  • Die Frau mit Hund
  • Der Kollege und Künstler
  • Die Lehrerin
  • Der Stammgast
  • Der DJ
  • Die Künstlerin
  • Der Betreiber
  • Die Leiterin
  • Die Sekretärin
  • Der Funktionär…

Naja, viel wissen wir über die Menschen damit ja noch nicht, aber Bilder im Kopf können schon mal entstehen. Und wir erkennen: aha, da kann es auch Überschneidungen geben.

Die sozialen Kreise der Publikums-Menschen kreuzen sich oft, aber jeder soziale Kreis ist in seiner Gesamtzusammensetzung einzigartig (es gibt keine zwei Personen, die genau die gleichen sozialen Kreise haben). Manchmal kommen Personen aus einem anderen Umfeld dazu. Dann erweitert sich der soziale Kreis. Er summiert sich. Die Elemente verbinden sich. Wodurch Individualität und Überpersönlichkeit parallel steigen.

„Die Gruppen, zu denen der Einzelne gehört, bilden gleichsam ein Koordinatensystem, derart, daß jede neu hinzukommende ihn genauer und unzweideutiger bestimmt. Die Zugehörigkeit zu je einer derselben läßt der Individualität noch einen weiten Spielraum; aber je mehr es werden, desto unwahrscheinlicher ist es, daß noch andre Personen die gleichen Gruppenkombinationen aufweisen werden, dass diese vielen Kreise sich noch einmal in einem Punkte schneiden werden.“ (Simmel 2016: 466)

Weil sich aber die Personen in der Gesprächs-Gruppe kennen, einige zumindest, stellen sie sich bei SUPERNAJA nicht mehr vor. Eigentlich ist das schade, weil wir ja gar nicht alles wissen. Wir nehmen das nur an und damit viel vorweg. Wir fremd-charakterisieren (primär über den Beruf) und vereiteln Selbst-Charakterisierung (die natürlich immer schon auch aus einer vorzeitigen Fremd-Charakterisierung besteht). Wir stellen uns sie vor, ohne sie vorstellen zu lassen.

Weil sich die Personen der Gesprächs-Gruppe kennen, einige zumindest ::

:: verlassen wir uns (trotz Wissen unterschiedlicher Ziele) darauf, dass Teile der Gruppe ähnliche Absichten haben – dass alle Schauspieler*innen sind – und ein Gespräch, ein Sprechen und Zuhören entsteht.

:: wird  der Inhalt des Gesagten einer Person bereits vorausgewusst:  wenn sie etwas sagt, dann ja nur um ihren (schon bekannten) Standpunkt, Status usw. zu unterstreichen.

:: sitzen manche zärtlich umarmt da, essen aus einer gemeinsamen Packung Bonbons.

:: bemerkt man langsam umso deutlicher den Fremden, die beigezogene Expertin, den dienenden Galeriemitarbeiter, die Beobachter*in…

Und wir teilen fix hiernach ein. Das Publikum ist rasch qualifiziert als etwas, das kritisch, kundig, laienhaft, unwissend ist. Das ergibt sich aus der Annahme der sozialen Kreise bzw. die Zugehörigkeiten zu diesen (oft verbunden mit beruflichen Tätigkeiten) und der damit einhergehenden vorschnell vorweggenommenen Fremd-Charakterisierung (das bekannte Bermudadreieck Tratsch, Stereotyp & Vorurteil).

Wir nehmen (A) nur an und damit viel (B) vorweg. Und lassen (C) nicht zu.

Daraus entsteht ein Paradoxon in der SUPERNAJA temporären Gesprächs-Gruppe, wo Menschen mit dem Rucksack sozialer Kreisen zusammenkommen: Weil sich die sozialen Kreise ähneln und über den gemeinsamen Publikumsstatus vorab definiert sind, sich die Kreise aber dennoch erweitern, folgt dass die Personen objektiv als individueller gelten können, zugleich aber die Möglichkeit schwindet, Individuelles in diesen Gesprächen über sie zu erfahren.

Zusammengefasst ist das SUPERNAJA Gesprächs-Gruppen-Paradoxon ein temporär an der Front stehendes Publikum mit Chancennutzung, das sich nicht zuletzt aufgrund seiner sozial-lokalen Kreisüberschneidungen zusammenfindet, dabei aber dennoch zugleich individueller (Gruppensubjekte) und überindividueller (Gruppe) wird und deren Bestandteile sich insgeheim (um nicht so sagen unbewusst) mühen müssen, über die Fremd-Charakterisierungen hinwegzutreten.

Das zu erkennen ist der 1. Schritt zu einer Annäherung an ein Gesprächs-Theater. Was ein Gespräch der Gesprächs-Gruppe ist, davon wird zu berichten sein.

 

 

Hildmann, Karl-Heinz (2007): Wörterbuch der Soziologie. 5., vollständig überarbeitet und erweiterte Auflage. Kröner.

Simmel, Georg (2016a): „Die Kreuzung sozialer Kreise“. In: Otthein Rammstedt (Hrsg.) Georg Simmel. Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Gesamtausgabe Band 11. Suhrkamp, 456-511.

Simmel, Georg (2016b): „Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe“. In: Otthein Rammstedt (Hrsg.) Georg Simmel. Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Gesamtausgabe Band 11. Suhrkamp, 63-159.

Duden online: Künstlergruppe, die.
https://www.duden.de/rechtschreibung/Kuenstlergruppe
Zugriff am 24.08.2019

 

Zu/über SUPERNAJA:

https://reflay.com/2019/08/01/das-publikum-das-lokal-salzburgersommer/

https://5020.info/programm/supernaja-einfach-lokal-peter-haas