Einen Moment bitte! Der wohlige Schauer zum aus der Haut fahren: Eine Making-Off-Theater-Reflexion.

Der Moment der Erkenntnis. Der Moment der Wahrheit. Die Toten Hosen singen: Das ist der Moment, an dem du einmal hängst, wenn du irgendwann zurückdenkst. Dann, wenn das Herz höherschlägt oder das Lachen im Hals stecken bleibt. In Off-Theater-Produktionen wird mit Stimmungen kunstvoll gespielt, mit Brüchen und Emotionswechsel, es sind gestalterisch wohl komponierte Ereignisse. Und während Emotionen und Stimmungen in der Soziologie seit geraumer Zeit Beachtung erlangen, sind Momente in ihrer sozialen Bedeutung noch gänzlich Stiefkinder der sozialwissenschaftlichen Forschung.

Emotionen sind ein gutes Geschäft. Kapitalistisch werden sie gemanagt, verwaltet und geübt eingesetzt, um zum richtigen Zeitpunkt – im entscheidenden Moment – das richtige Gesicht zu tragen. Damit ist kurz-mittel-langfristig gut Geld zu machen. Obwohl die damit verbundenen kurz-mittel-langfristigen Schwierigkeiten bereits eingängig untersucht wurden (siehe allen voran Arlie Russell Hochschild 1983: Das gekaufte Herz. Die Kommerzialisierung der Gefühle; sowie beispielsweise Daniela Rastetter 2008: Zum Lächeln verpflichtet. Emotionsarbeit im Dienstleistungsbereich), wird das „Emotionsmanagement“ als Vermögensanlage in der Gesellschaft der Leistungsträger*innen immer wieder neu entdeckt, kürzlich etwa mit der Schlagzeile „Die Emotionsmanagerin – Deine Gefühle sind dein Kapital“ in INNOVATOR by the Red Bulletin AT 2019.

Auch im Off-Theater werden Emotionen gezielt eingesetzt. Wenn eine Performance, ein Stück erarbeitet wird, ist die Erzeugung von Stimmung und Emotion ein äußerst komplexer Vorgang, eine fragile Mischkulanz aus persönlichen Erzählungen, Ausdruck, Musik, Sprache, Ton, Licht… Während wir nun also im Alltagsleben unsere Emotionen steuern sollen, um sie möglichst gewinnbringend einzusetzen, arbeiten die Theatermacher*innen daran, uns über die Gestaltung Emotionen reziprok zu entlocken, die wir allgegenwärtig putativ so hart regeln und kontrollieren wollen. Der Unterschied zum Marketing sollte schnell zu erfassen sein: Im Off-Theater sind wir mit sozialgesellschaftspolitisch relevanten Themen konfrontiert, die uns zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Leben und Gesellschaft befähigen könnten.

Die Emotion des Moments ist der Affekt. Der Moment ist ein Zeitraum von sehr kurzer Dauer, ein bestimmter Zeitpunkt (siehe Duden online). Wie sich nun argumentieren ließe, dass im Off-Theater (mehr oder weniger bewusst) gegen das Emotionsmanagement der Governmentaltität angespielt wird, könnte im Affekt die entscheidende Komponente liegen: das kurzzeitige Ausschalten der Selbstkontrolle. „Gefühle, Affekte und Leidenschaften bringen Spontanität, Überraschungen, Lebendigkeit, Ereignisfülle, Dramatik und Abwechslung in die soziale Lebenswelt.“ (Hillmann 2007: 9). Das Erleben eines emotional-affektuellen Moments im Off-Theater könnte also dazu breitragen, für neue Möglichkeiten offen zu sein.

Ist diese Form des Theaters mit einem Essay vergleichbar?

„Weniger nicht, sondern mehr als das definitorische Verfahren urgiert der Essay die Wechselwirkung seiner Begriffe im Prozeß geistiger Erfahrung. In ihr bilden jene kein Kontinuum der Operationen, der Gedanke schreitet nicht einsinnig fort, sondern Momente verflechten sich teppichhaft.“ Theodor W. Adorno

Im vergangenen Jahr erlebte ich einige Momente in der Begleitung von Off-Theater-Produktionen, die mich nachdrücklich bewegt haben. Was aber ist das genau, ein bewegender Moment? Barbara Carlis „Rosen aus Amsterdam“ (BÖSE FRAUEN, DIE RABTALDIRNDLN), Martina Zinners „Österreich lieben“ (FRAUENTURNEN, TiB) und Bea Dermonds „Verwandlung“ (FËST, DIE RABTALDIRNDLN) hatten es für mich besonders in sich. Um herauszufinden warum, ist eine Beobachtung unbestimmter Ordnung notwendig.

Momente werden subjektiv empfunden, Emotionen kulturabhängig (siehe etwa Christian von Scheve, Emotionssoziologie, Deutschlandfunk). Die Erfahrung von ersteren ist oft narrativ verbunden mit persönlichen Erinnerungen. Damit ist der Moment zeiteingebunden in Kultur, Vergangenheit und Zukunft. Reize werden ausgelöst, Eindrücke versinnlicht: visuell, auditiv, olfaktorisch, sie sind quasi multidisziplinär. Aber sie brauchen vor allem den Kontext, in dem sie geschehen können. Der Moment baut sich auf. Aus anderen Momenten, die dem Moment eine Brücke bereiten. Die ihn einbetten, ihn umschmeicheln, Platz räumen. Dann passiert der Moment. In dem alles passt. Oder gar nichts passt. Wenn in mir ein wohliges Gefühl aufsteigt oder sich alles zu sträuben beginnt. Wenn Bewegungen, Licht, Sprache und Mimik in einer (un-)optimalen Zusammensetzung aufeinandertreffen und sich mit latenten Erinnerungen, Schatten verknüpfen, sich hineinfügen in mein Leben und zu einem gemeinsamen Moment, zu einem neu-gestalteten Erleben wird in diesem Leben, dann ist das DER MOMENT.

Moment – Der Klebstoff: Bei Bau und Reparatur sowie im täglichen Leben müssen wir oft verschiedene Gegenstände und Materialien kleben. Heutzutage bieten viele produzierende Unternehmen eine große Anzahl verschiedener Arten von Klebstoffen für verschiedene Arten von Arbeiten an. Unser Artikel widmet sich den Typen und Eigenschaften einer der beliebtesten und hochwertigsten Klebstoffe der Marke „Moment“.

DER MOMENT ist keinesfalls individuell. Er ist eine Komposition in Raum und Zeit und vor allem darüber hinaus, zwischen Subjekt(en) und Objekt(en). Er ist Verbindung. Klebstoff. Er entsteht im Zusammenspiel aller Akteur*innen, aber er ist nicht messbar, kaum beschreibbar. Empfinden kann ihn nur das Subjekt. Und dennoch ist er besonderer sozialer Stoff.

Zurück zum konkreten Moment im Off-Theater:

„Rosen aus Amsterdam“. Dieser Moment ist bösartig und wunderschön. Barbara Carlis Leidenschaft. Wenn ihre Stimme anhebt (ihre ganz spezielle Stimme), lieblich, dann – im selben Moment – zu kippen beginnt, gemein wird. Die Furcht der anderen. Und die Provokationen. Die Rabtaldirndln auf Hoverboards schweben, leidenschaftlich ungrazil. Und immer wieder Babsis Stimme. Dieser Moment hat für mich alles, die ganze Bandbreite menschlicher Unmenschlichkeit. Eine Ästhetik der schönsten Perversion. Er ist eine Melodie.

„Österreich lieben“. Martina Zinner kriecht über die Skulptur. Liebt sie. Berührt sie. Fährt mit den Fingernägeln über den Stoff. Und genießt es. Ich möchte, dass der Moment nicht aufhört. Dass Martina sich immer weiter hineinfallenlässt und ich ihr dabei zusehen darf. Der Moment davor war ganz anders und der Moment danach wird ganz anders sein. Es ist nur jetzt. Ich kann das mitfühlen, nachempfinden, wie es sich anfühlt, höre, wie sich das anhört. Österreich ist hier feministisch empfunden. Die Künstlerinnen wollen nach einer Probe Martinas laszives Stöhnen aus dem Moment streichen. Ich interveniere. Wenn die Stimme fehlt, ist der Moment tot. Zum Glück werde ich erhört.

„Die Verwandlung“. Bea Dermond wird zu einem Mann transformiert. Und da gibt es den finalen Moment, in dem Bea ansetzt, alles herausschreit. Davor war es nicht (un)optimal. Danach auch nicht. Gerade jetzt spült sich in mir alles hoch und ich möchte mitschreien. Bea wurde hingeführt durch die anderen Dirndln zu diesem Moment der Offenbarung der Fratze und Verletzlichkeit des Patriacharts. Es liegt nun in Beas Geschick, ihrer Art, sich zu bewegen, die Augen zu schließen, alles nach außen zu werfen. Und ich gehe mit, innerlich bin ich voll dabei, mittendrin im Gefühl.

Der Moment verändert sich. Wenn Publikum da ist. Wenn ich woanders sitze. Wenn ich müde bin oder anderslaunig. Wenn sich Raum und Zeit ändern, in dem der Moment geschieht (ein Plädoyer dafür, sich dieselbe Off-Theater-Inszenierungen öfter anzuschauen). Aber der Grundtenor DES MOMENTS ist da, weil er nicht für sich alleine steht. Weil er in mir schon einen zeitlichen und räumlichen Anknüpfungspunkt hat und sich dann verbindet. Weil in dieser Interaktion etwas erscheint, das Vorbedingungen hat. Der Genuss, die Grausamkeit, das Ausrasten. Gefühle, die ich fühlen will, nicht konnte oder keinesfalls fühlen sollte; und die ich über das Theater in dieser ganz speziellen Art passiv-aktiv erleben kann. Durch die Nähe zu den Performer*innen. Durch eine kluge Inszenierung. Durch meine Vorerlebnisse. Durch die Verbindung aller Elemente.

Das macht DEN MOMENT im Off-Theater. Das ist die Kunst, die sich über die angelegte Alltäglichkeit und über ihre Implikationen des Emotionsmanagements hinwegsetzend entfalten kann. Durch die Menschen, die performen und durch jene, die inszenieren. Durch die Beobachtung, das Zusammensein. Die Momente mögen auch zufällig sein. Zufällig in der Erfahrung und der Intensität der Erfahrung. Immer aber real.

Karin Scaria-Braunstein

Hildmann, Karl-Heinz (2007): Wörterbuch der Soziologie. 5., vollständig überarbeitet und erweiterte Auflage. Kröner.

Hochschild, Arlie Russell (2006 [1983]): Das gekaufte Herz. Die Kommerzialisierung der Gefühle. Campus.

Radstetter, Daniela (2008): Zum Lächeln verpflichtet. Emotionsarbeit im Dienstleistungsbereich. Campus.

Emotionssoziologie. Die Entdeckung der Gefühle. Deutschlandfunk.
https://www.deutschlandfunk.de/emotionssoziologie-die-entdeckung-der-gefuehle.1148.de.html?dram:article_id=328864

Die Emotionsmanagerin. Deine Gefühle sind dein Kapital. INNOVATOR by the Red Bulletin AT 2019.
https://www.redbull.com/at-de/theredbulletin/instahelp-bernadette-frech-interview

Moment, der. Duden online.
https://www.duden.de/rechtschreibung/Moment_Zeitpunkt_Zeitspanne

Moment. Klebstoff
https://de.decoratex.biz/montazhnyj-klej/moment/

Zu den Off-Theater-Produktionen:

https://dierabtaldirndln.wordpress.com/

https://www.theater-im-bahnhof.com/de/