Jugend ohne Gott :: Inszenierung ohne Mut

Letzte Vorstellung „Jugend ohne Gott“ bei den Festspielen, am 11.08.2019, Salzburger Landestheater. Das Durchschnittsalter der zurechtfrisierten Besucher*innen soll nicht böswillig zu hoch geschätzt werden. Die Sessel knarzen bei jeder Rührung, die emotional aber ohnehin kaum auftritt. Das Stück ist mutlos. Eine kleine Analyse der Medienberichterstattung soll verdeutlichen, wieso das so ist – und erlaubt damit gleichzeitig einen Blick auf diese selbst.

Für diesen Versuch werden fünf Medienberichte über das Stück herangezogen (einer der Autor*innen war schneller als die anderen):

  • Deutschlandfunk: Ostermeiers „Jugend ohne Gott“ in Salzburg. Eine lupenreine Literaturadaption. Von Martin Pesl, 28.07.2019.
  • Frankfurter Allgemeine: Gehenkt werde wir sowieso. Von Simon Strauss, 29.07.2019.
  • Salzburger Nachrichten: „Jugend ohne Gott“ bei den Festspielen: Ein argloser Lehrer kommt in Bedrängnis. Von Hedwig Kalnberger, 29.07.2019.
  • Kurier: „Jugend ohne Gott“ bei den Salzburger Festspielen: Tatort Wald. Von Susanne Zobl, 29.07.2019.
  • Der Standard: „Jugend ohne Gott“ in Salzburg: Socken trennen, Schüler morden. Von Stephan Hilpold, 29.07.2019.

1. Der Regisseur Thomas Ostermeier ist in allen Artikeln – ja, doch – Hauptthema. Ostermeiers Prestige wird in vier Berichten über seine Funktion als Intendant der Berliner Schaubühne unterstrichen, nur Der Standard verweist lediglich auf die Koproduktion.

Seine Handschrift in dieser Inszenierung sehen die Autor*innen in der Darstellungstechnik der Serie sowie in der Professionalität der Technik und des Dramas (Frankfurter Allgemeine), in der messerscharfen Dramatisierung und dem echten Schauspielertheater (Kurier), das aber kein klassisches Erzähltheater darstellt (Salzburger Nachrichten) und letztlich vielleicht doch einer Schultheateraufführung (Frankfurter Allgemeine) gleichkommt.

Das Stück lässt Ostermeier in der Zeit (Deutschlandfunk, Kurier), mit nur wenigen Gegenwartsanpassungen (Salzburger Nachrichten).

Im Vergleich zu Ödön von Horváths Roman (1937) verbleibt Ostermeier bei dessen Abarbeitung und Adaption (Deutschlandfunk), bei Werktreue (Der Standard) und letztlich weiterhin bei der Didaktik (Frankfurter Allgemeine).

2. Die Inszenierung wird in den Medienberichten beschrieben als gegen den Trend gerichtet (siehe oben, das Verbleiben in der Historie des Romans), spannend und auf der Suche nach aktuellen Bezügen (Deutschlandfunk), unaufgeregt und solide (Frankfurter Allgemeine), gelungen und kurzweilig (Salzburger Nachrichten), wie ein Uhrwerk laufend, aber insgesamt irgendwie mangelhaft (Der Standard).

3. Der Hauptdarsteller Jörg Hartmann erfährt in allen Artikeln Aufmerksamkeit, wobei auch gerne auf seine Rolle als Tatort-Kommissar verwiesen wird (Frankfurter Allgemeine, Kurier).

Das Spiel des Lehrers (+Erzähler, Kommentator) wird interpretiert als seriös und nachdenklich (Deutschlandfunk) sowie kleinkariert und ohne besondere Attitüde (Frankfurter Allgemeine), hineinversetzt in ein Zwischenreich (Salzburger Nachrichten).

Während Stephan Hilpold (Der Standard) Hartmann zur Last legt, er könne seine mannigfaltigen Aufgaben im Stück nicht tragen, erhält der Schauspieler für seine Darstellung bisweilen freundlichen Beifall.

4. Das restliche Ensemble – sieben weitere Schauspieler*innen – ist jung (Deutschlandfunk), vollzieht viele effektvolle (Identitäts-)Wechsel (Frankfurter Allgemeine) und hat dabei aber keine Zeit, sich in den Figuren zu entwickeln (Frankfurter Allgemeine, Der Standard), es fungiert als zackige Bühnenarbeiter*innen. Gesonderte Nernnung widerfährt einzig der herausstechenden Alina Stiegler (Frankfurter Allgemeine, Salzburger Nachrichten).

Während Florian Borchmeyers Leistung als Dramaturg in den Berichten nicht weiter behandelt sein will, wird das Bühnenbild von Jan Pappelbaum mehrfach hervorgehoben (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Salzburger Nachrichten, Kurier, Der Standard) dazu gleich noch mehr.

5. Die Grundlage, Horváths Roman, erörtern die Autor*innen unisono recht ausführlich. Horváth befasst sich mit Glaube, Moral und Schuld wie auch mit der Stimmung und der historischen Situation (Deutschlandfunk), er zeigt die Gemeinheit des Alltags und den Starrsinn der Menschen auf (Der Standard). Horváth spürt den Zeitgeist auf, charakterisiert die Jugend als verrottet (Frankfurter Allgemeine).

Die Beurteilung des Romans jedoch fällt in den Berichten durchaus ambivalent aus: Hilpold konstatiert Vielschichtigkeit und unterstreicht Horváths Selbstreflexion, während Strauss darauf verweist, dass der abgenutzte Roman auch im Theater verhaftet bleibt im eigenen Milieu.

6. Der Weg zur Conclusio: Der Mutlosigkeit

Ostermeier erfindet nichts neu (Deutschlandfunk), er fügt lediglich einen (!?) nennenswerten Monolog hinzu (Frankfurter Allgemeine), bei der Inszenierung handelt es sich um eine Textwiedergabe (Salzburger Nachrichten), eine Kapitel-Umordnung  (Frankfurter Allgemeine).

In den Medienberichten wird hingegen eindringlich hervorgehoben, dass Ostermeier sich entschieden hat, den Begriff Neger gegen Afrikaner auszutauschen, sich also einer sprachlichen Anpassung bedient (Salzburger Nachrichten, Der Standard, Frankfurter Allgemeine).

Die sprachliche Anpassung ist das eine Highlight in der Berichterstattung, das zweite ist die Bühnengestaltung. Pappelbaum stellt 120 Bäume aus dem Grunwald auf. Sie ergeben ein Baumdickicht (Der Standard), sind kahl und doch verzweigt (Kurier, Salzburger Nachrichten) und schaffen das Ambiente (Kurier).

Aber mit den Bäumen geschieht nichts. Mit dem gesamten Stück geschieht nichts. Während Susanne Zobl (Kurier) bekümmert ist, Verbindungen zur AFD und der aktuellen Flüchtlingsdebatte zu knüpfen, bleibt diese Anstrengung ebenso stecken wie die einzige aktuelle gesellschaftspolitische Spitze im Stück, wenn Hartmann einmal den Namen Haselsteiner fallen lässt.

Ostermeier macht mit der Inszenierung nichts auf. Selbst die bemüht technisch-digitalen Elemente (Mikrophon, Videosequenzen) werden spärlich in den Medienberichten aufgegriffen (nicht zu Unrecht). Auch die mutvolle Romangrundlage will nicht durchgehend zur Darstellung gelangen. Gewalt- und Sexszenen sind jugendfrei angedeutet, die formale Gestaltung nützt sich gegen Ende ab, der originale Kontext bleibt zum Gegenwartsbezug distanziert, Möglichkeiten eröffnen sich nicht. In den Artikeln steht hier der Roman des großen Horváths und dort das bestens präsentierte Handwerk des großen Ostermeier, die fehlende Bezüglichkeit wird spärlich thematisiert, sie fällt kaum auf. Die Medienanalyse offenbart den Fokus: (wenige wichtige) Personen und ihre Funktionen und eine wenig konkret ambivalente und hauptsächlich zünftige Besprechung der Inszenierung. Aufrührend wirken alleine Begriffstausch und Baumverpflanzung. Vielleicht ein Zeichen unserer Zeit. Eine robuste Inszenierung für die Festspiele.

Peter Haas verweist scharfsinnig darauf, was das Stück (nicht) ist – und auf Basis der Romanvorlage aber hätte sein können:
Ein arges „Die Frauen, die Mütter vor allem sind schuld“–Stück ist es nur ansatzweise. Ein „Alle sind Opportunist*innen – auch wenn sie offiziell hehre Ziele verkünden“–Stück ist es nur teilweise. Ein „So geht Faschismus – weil die Faschist*innen nicht ganz so plump daherkommen“–Stück ist es leider auch nicht. Ein „Genauso ist es im Jahr 2019“– wirklich deutliches aber eben nicht doofes Stück hätt man sich vielleicht gewünscht (und wie diese Stücke alle schiefgegangen wären – das hätte uns aufgeregt). Es ist ein biederer, nicht ganz dummer aber gegen Ende immer enttäuschenderer Abend geworden.

Das Stück kann gut konsumiert werden,  inhaltlich führt es wohl kaum zu wichtigen weiteren Debatten. Die Türe bleibt zu.

Karin Scaria-Braunstein