Die eindimensionale Frau und der mystifizierte Mann – Ideologien in Liedtexten von Andreas Gabalier

Bergbauernbuam

Andreas Gabalier zieht an und regt auf. Seine Liedtexte waren schon oft Thema hitziger Dispute. Auch seine Covergestaltungen provozieren, ebenso wie er es gerne auf der Bühne tut. Vorgeworfen werden Gabalier antifeministische Haltungen, Homophbie und rechte Heimatverklärungen. Wie aber konkret lassen sich Ideenbilder in seinen Liedtexten aufzeigen?

Es wird sich zeigen, dass die Texte vor allem sehr unterschiedlich ausdifferenzierte Gender-Bilder beinhalten. Während der Mann in vielen heroischen Farbschattierungen ausgeschmückt wird, bleibt die Frau ein sehr gewöhnliches, wenngleich gemeines, sexualisiertes Wesen.

In diesers Analyse beschäftige ich mich mit 7 Liedtexten:

  • Bergbauernbuam (Album Herzwerk, 2010)
  • Dahoam (Album Herzwerk, 2010)
  • Zuckerpuppen (Album Home Sweet Home, 2013)
  • Fesche Madln (Album Da komm‘ ich her, 2009)
  • Mein Bergkamerad (Album Herzwerk, 2010)
  • Meine Stewardess (Album Volks Rock ‘n‘ Roller, 2011)

Die Auswahl der Texte erfolgt vornehmlich über die Titel. Die Texte sollten explizit Narrative über Frauen beinhalten und/oder von Männerbildern erzählen. Die Analyse beruht auf der Critical Method nach Kenneth Burke[1] und verläuft über zwei Stufen: (1) Indexing – horizontale Analyse und (2) Tracking Hierarchies of Terms. Über diese Methode ist es möglich, ideologische Hintergründe in Texten aufzuspüren.

Im Folgenden werden die Liedtexte getrennt voneinander analysiert und dann in den Zusammenhängen besprochen.

1. Bergbauernbuam

In diesem Text wird zunächst die Natur beschworen und sodann der Bergbauernbua als ein geschnitztes Element (Holz) in diese Naturordnung eingebettet. Diesen Männern wohnt eine tiefe Verbundenheit mit der Heimat inne, sie sind von Gott geschützt. Darüber hinaus aber sind sie eine Volkserzählung (sie wird über die Gotteserzählung gestellt, da gottgleich), ein Mythos, ein Heldenepos, gekennzeichnet durch Stärke und das Bildnis des Stiers. Bergbauernbuam sind eine existentielle Feststellung, sie sind wie sie sind, unveränderlich.

  • Bergbauernbuam – eine existentielle Feststellung
  • Bergbauernbuam als Mythos der Volkserzählung
  • Bergbauernbuam als Teil der Gottesordnung
  • Bergbauernbuam als Teil der Naturordnung
  • Die Natur als Grundlage des Leben

 

2. Dahoam

In Dahoam wird das Bodenständige beschworen, kulinarische Genüsse, natürliche Schönheit. Volkstümliche Musi(k) verbindet die Menschen, die auch zu feiern wissen, ganz traditionell (Kirtag). Alles läuft dann zusammen zu einer bodenständigen & zugleich feierlichen, volkstümlichen Sexualität, in der „Hiatamadln“ und „Bergbauernbuam“ sich vereinen.

  • Das Volkstümlich Sexuelle
  • Die traditionelle Feier
  • Volkstümliche Kunst & Sein
  • Das Bodenständige – heimatliche Kulinarik & natürliche Schönheiz

 

3. Zuckerpuppen

In Zuckerpuppen wird die sexuelle Ordnung aus der Guten Alten Zeit (Rollenbilder der 50er Jahre) beschworen: Mädchen haben eine konkrete Absicht und demonstrieren diese Absicht über ihr Äußeres, über optische Reize. Röcke etwa haben hierbei eine eindeutige Signalwirkung (Petticoat). Diesem Äußeren bzw. speziellen Faktoren des Äußeren werden sexuelle Handlungsbereitschaften zugeschrieben (über die Farbe Rot oder das Lutschen von Eis). Die Naturlogik ist, dass Männer diesen Reizen verfallen und es zu sexuellen Annäherungen unbedingt kommen muss. In diesem Ideenbild hat die sexuelle Ordnung vergangener Tage das höchste Ideell, der dekorative Aufputz der Frauen bereitet dafür die Grundlage.

  • Begründete, unbedingte körperliche Annäherung
  • Natürliche männliche Reaktionen
  • Sexualisierte Zuschreibungen an die Frauen
  • Weiblicher Aufputz – optische Reize

 

4. Fesche Madln

Frauen (stets artikuliert in einer verniedlichten Form, z.B. „Madln“) sind von einer grundlegenden Sehnsucht nach dem wahren Mann durchflutet. Dafür würden sie alles geben. Sie sind von diesem Lebensziel sowohl körperlich als auch emotional gefangen (auch hier verläuft die Sexualisierung u.a. über die Farbe Rot). Der Mann hingegen weiß über seinen natürlichen Trieb Bescheid (er steht fest in dieser Welt), und küsst die Frau aber auch, weil sie das denn so dringend braucht. Sie ist aufgrund ihrer weiblichen Eindimensionalität stets für ihn bereit, sie will und braucht das – IHN.

Die Darstellung der Frau: klein, fesch, nicht gschamig, knackige süße Wadeln, ein kurzes Dirndlkleid, rot lackierte Zehen, apfelrote Wagen, hinaufgedrehte Wimpern.

Darstellung des Mannes: gestanden, lieb, flott, ein fescher Kampl.

  • Stetige weibliche Bereitschaft
  • Der reife, gestandene Mann
  • Weibliche körperliche & emotionale Abhängigkeit
  • Lebensgrundlage: die Sehnsucht nach dem wahren Mann

 

5. Mein Bergkamerad

Mein Bergkamerad ist einer der besonders nachdrücklich kritisierten Texte von Gabalier[2]. Die Grundlage dieser Ideenpyramide bildet eine männliche Gegenseitigkeit: sich zu brauchen, zuzuhören, zu verstehen. Diese Kameraden müssen voreinander nichts verheimlichen, sie sind ehrlich, aufrichtig. Und sie halten zusammen, ein Leben lang, auch in stürmischen Zeiten. Sie sind füreinander unersetzbar. Sie berühren das Herz, sind einander Brüder, und erobern gemeinsam den Gipfel, an dem das Eiserne Kreuz prangert. Insbesondere im Aufbau der letzten drei Ebenen verbergen sich problematische Zusammenhänge. Das Herz (Treue), das Blut (Blut-und-Boden-Ideologie) und das Eiserne Kreuz (u.a. Kriegsauszeichnung im Nationalsozialismus) führen zwangsweise zu einer einschlägigen Deutung.

  • Das Eiserne Kreuz
  • Das Blut – Die Brüder
  • Das Herz – Die Treue
  • Unbedingter Zusammenhalt
  • Ehrlichkeit & Aufrichtigkeit
  • Gegenseitigkeiten: sich brauchen, zuhören, verstehen

 

6. Heimatsöhne

Auch in Heimatsöhne werden ähnliche Begrifflichkeiten und Zusammenhänge bemüht wie in Mein Bergkamerad. In diesem Liedtext steht der Boden, der Ursprung, die Wurzeln, die Erde am Fuß des Ideenbildes. Das ist die Basis für den Fleiß der Männerhände, das harte Handwerk ist in ihnen angelegt, fließt in ihrem Blut. Die Söhne der lieben, schönen Heimat sind sich bewusst über ihre Endlichkeit. Sie stehen zu ihrem Wort, verschmelzen mit der Heimat, mit dem Himmel, sind Adler, besitzen das höchste Gut: Freiheit.

  • Himmel, Adler, Freiheit
  • Das Endliche & Das Unendliche
  • Der Fleiß der Männerhand
  • Ursprung, Erde, Boden, Wurzeln

 

7. Meine Stewardess

Meine Stewardess beschreibt das Frauenbild bereits besprochener Liedtexte ein weiteres Mal, setzt aber ein konkretes Attribut oben drauf. Die ideale Frau ist in diesem Lied zuallererst die Dienende. Gekleidet im Bügelfaltenrock vergangener Tage ist sie gesund, besitzt einen kessen Augenaufschlag und ein liebliches Gesäß. Sie ist sodann aber vor allem untreu. Der Mann wird geschlagen zurückgelassen. Der Mann als Opfer.

  • Erkenntnis: Das Opfer Mann
  • Die Untreue
  • Die Sexualisierte
  • Die Ideale – gesund & attraktiv
  • Die Dienende

 

Conclusio:

Die Frau ist die Dienende, ihre Lebensgrundlage ist die Sehnsucht nach dem wahren Mann, sie ist gekennzeichnet durch ihren optischen Reiz.

Der Mann ist verwurzelt mit der Heimat, die wahre, schöne Natur ist die Grundlage seines Lebens, seine Kameradschaft ist beschrieben durch Verständnis.

Das volkstümlich Sexuelle ist das höchste Ideal, die Frau ist stets bereit, sie fordert die körperliche Annäherung immerzu heraus. In diesem Spiel ist die Frau aber auch die Gefahr. Sie ist untreu, nicht er. Der Mann kann zum Opfer werden – nicht die Frau.

Der Mann – der Bergbauernbua – ist an und für sich schon eine existentielle Feststellung. Er besitzt das höchste Ideal, die Freiheit, ist mit der Heimat auf ewig verbunden. Seine Werte sind heldenhaft: Treue, Blut und der Gipfel – das Eiserne Kreuz.

Die Frau bleibt in den Texten eindimensional stehen: nicht selbstreflektiert, durchaus durchtrieben, aber ohne ehrvollen Plan, ohne Bewusstsein und ohne Werthaltungen – jedenfalls nicht über das Sexuelle hinausgehend. Sie ist willig. Ihre Welt ist von der Sehnsucht nach dem wahren Mann bestimmt.
Der Mann ist treu, aufrichtig, sorgend, reif und gestanden. Nur die Frau kann ihm was anhaben, wenn er seinen natürlichen Trieben zu sehr ausgeliefert ist. Er ist fleißig, kameradschaftlich. Gottgleich. Ein lebender Mythos.

Karin Scaria-Braunstein

[1] Siehe dazu: Scaria-Braunstein, Karin (2016): „L’affaire Charlie Hebdo“ – Der Streit um die Vergabe eines Meinungsfreiheitspreises. Hochschulschrift, Graz, Karl-Franzens-Universität.

[2] Siehe etwa: Balzer, Jens (2019): Ein Hallihallo mit eisernem Kreuz. In: Zeit Online, 02.02.2019.

Kritik von Michael Fischer, Uni Freiburg – u.a. in Kurier (Onlineausgabe) vom 10.02.2019: Liedgut-Experte über Gabalier: „Einzelne Passagen gefährlich“.