A g’scheite Panier: Der Feminismus und Ich oder doch Wir.

In der scharfsinnigen Parallelität von meinem Feminismus und dem Feminismus der Öffentlichkeit dehnt sich die Ausstellungsperformance AUFRÄUMEN – von und mit Gabriela Hiti, Johanna Hierzegger und Pia Hierzegger. Dieses (und hoffentlich doch nicht zum letzten) Mal als TiB-Gastspiel von eisenZ*ART.

Der Rahmen ist geschickt verstrickt: eine historische Rückschau verschlingt sich mit einer subjektiv-simultanen Erinnerungsarbeit, schwelgt zuweilen in der Gegenwart und in einer ästhetischen Distanzierung zu alldem. Die zentrale Figur des ambivalenten Scheitelpunkts ist Johanna Dohnal, erste Frauenministerin Österreichs. Auf sie treffen drei interessante Frauen um und gegen Ende Vierzig, so die Selbstbezeichnung. Zurück bleibt eine riesen Sauerei, dreilagige Panier.

Dabei ist die Aufräumarbeit recht gründlich und gleichzeitig anspruchsvoll selbstironisch. Die Künstlerinnen wechseln in ihren Figuren, verkörpern sich und in zahlreichreichen Zitaten andere Personen ihres Privatlebens und aus der Öffentlichkeit (mit Dank an Gabriala Hitis grandiose Kreisky-Dohnal-Fragmentierung), die sowohl fiktiv als auch real-erinnerlich sein können und sympathisch banal erscheinen, womit sich eine menschliche Geschichte des österreichischen Feminismus nach 1945 zeichnet, in seiner denkbaren Ambiguität.

Als ambivalent entpuppt sich dabei nicht nur Johanna Dohnal, sondern auch der eigene Feminismus. Allen voran der Umgang mit dem weiblichen Körper, der zur Schau gestellt werden soll oder will zum Zwecke der genussvollen Dekoration, aber doch eigentlich nicht darf, in seiner gänzlichen Nacktheit. Denn was sich gehört für den eigenen Feminismus, das ist nicht so klar. Wo anfangen mit sich als Frau in der intrasubjektiven feministischen Auseinandersetzung? Mut sei es für sie, so Pia Hierzegger im anschließenden Publikumsgespräch, sich auf der Bühne auszuziehen, niemals  aber Provokation.

Die Spannungen und Zerreißproben, die sich im Inneren vollziehen, von Kindheit an, werden gespiegelt in der äußeren Debatte, zu einer Zeit, als die erste Frauenministerin Österreichs zum Interview gebeten, nach Leibspeise und Lieblingsklamotte befragt, und als Ministerin a.D. von Hermes Phettberg (glänzend verkörpert durch Pia Hierzegger) im grotesken Feinschliff mit der Frage nach einem Ministerium für Sexuelles verballhornt wird. Den (parteiinternen) politischen Hickhack sparen die drei Frauen gekonnt ebenfalls nicht aus wie den Disput zwischen Dohnal und der autonomen Frauenbewegung.

Eine von ihnen zieht still um das Publikum eine Linie (überzeugend kontrakarierende: Johanna Hierzegger), und das Stück verdeutlicht die Hoffnung(slosigkeit) einer teleologischen Entwicklung des Feminismus in Österreich. Mit Stolpersteinen war der Weg auch in der Blütezeit der Aufbruchsstimmung gepflastert, darüber braucht es in der Retrospektive keine Schönfärberei. Vieles ist inzwischen gelungen, doch droht heute bereits ein Kippen, die Verkehrung des mühsam Erreichten. Nun gilt es umso mehr, Selbstbeobachtung zu betreiben.

AUFRÄUMEN lädt zum Nachdenken ein: Der grundbemühte (Lebensabschnitts-)Mann putzt nicht ordentlich genug? Eine finanzielle (Alters-)Absicherung ist politisch immer noch mit dem Ehegelübde verbunden und bedarf anderenfalls aufwendigen notariellen Beistands? Warum ist geschlechtergerechte Sprache weiterhin Diskursthema? Überhaupt sind die Frauen in ihren Forderungen so  unentspannt, das ist der Schönheit schrecklich unzuträglich. Und schließlich bleibt die Frage nach dem Raum individueller Wunschbilder.

Dabei kennen die aktuell 20-Jährigen Dohnal gar nicht mehr, Phettberg allerdings auch nicht. Eine attraktive Gleichzeitigkeit von Erinnerungsarbeit und fortschreitender Geschichtserzählung ist gefragt. Wie kann sich das heute ausgestalten?

Diskussionspunkte. Gleiche Bezahlung, meint ein Mann in der Publikumsdiskussion, würde den Feminismus aus dem düsteren Sumpf in den sicheren Hafen steuern, mehr brauche es gar nicht; eine Frau konstatiert wiederholden: die Männer hätten sich das doch ebenfalls nicht ausgesucht, da gilt es – zugespitzt formuliert –  schon ein bisschen Verständnis und Realitätssinn zu beweisen. Die Künstlerinnen verweisen auf die Absurdität eindimensionaler Schuldzuweisungen.

Darüber disputieren wir rund 60 Jahre nach Erscheinen von „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir, im Jahr 2018, in dem sich Hanna Herbst mit „Feminismus sagt man nicht“ auseinandersetzt. Dazwischen liegen unzählige alltägliche antifeminisitische Spitzfindigkeiten, die von allen Gesellschaftsmitgliedern fleißig reproduziert werden (Verweis: „Die männliche Herrschaft“, Pierre Bourdieu). Das Bewusstsein, vorweg das eigene, ist nicht geschärft, nicht genug jedenfalls. Vielleicht lässt es sich ja fröhlich zudröhnen.

Johanna Dohnals Hose hängt paniert, ihr gegenüber die Körperbilder der Künstlerinnen. Eine aufrüttelnde Ausstellungsperformance.

Karin Scaria-Braunstein