„Nahrung für die Seele“ – Theater Kaendace im Porträt

„In einer Sprache, die Alle verstehen“

Reflay – Karin Scaria-Braunstein und Raffael Hiden – im Gespräch mit Theater Kaendace – Klaudia Reichenbacher.

Graz, Geidorf, der wohl letzte sommerliche Abend vor der herbstlichen Metamorphose; sofern man der meteorologischen Prognose Glauben schenkt. Klaudia Reichenbachers außer-gewöhnliche Präsenz ist vom ersten Moment an spürbar. Sie verkörpert und dehnt diese Verkörperung des Da-Seins unmittelbar aus. Ja, wir fühlen uns von der eindringlichen Präsenz alsbald ummantelt.  

Klaudia Reichenbacher, freischaffende Regisseurin, Choreografin, Tänzerin und Schauspielerin, zieht nach dem Studium der Theaterwissenschaft und Publizistik von Wien nach Graz um, gründet 1989 das wichtige TanzTheaterGraz und etabliert in der Folge 2004 das Theater Kaendace im Kulturleben der steirischen Landeshauptstadt. Reichenbacher bespielte Grazer Hinterhöfe und den Grazer Schlossberg, als es dort noch keine Bühne gab; ebenso wie das Next Liberty oder das Grazer Opernhaus/Studiobühne. Das sind die Eckdaten, die die unauflösbaren Verknotungen zwischen biografischer und künstlerischer Existenz verdeutlichen.  Indes wird dadurch gleichsam ihr spezifischer Theaterzugang, ihr Anspruch an das und vom Theater gegenwärtig: bewegend, verändernd, subversiv soll es idealerweise sein. Reichenbachers Schaffensweg ist – bis heute geprägt – vom Antrieb: „es muss noch was geschehen.“ Verändern, tun, handeln, immer Bewegung haben durch das Theater – Reichenbachers unmissverständliches Credo. 

Gesprächsbild-Atmosphäre: „Ich male ein Bild“, sagt Reichenbacher, wenn sie von ihrer Arbeit spricht. Ein gemeinsamer Erfahrungshorizont konstituiert sich plötzlich, eine atmosphärische Umgebung wird sodann gemeinsam bewohnt. Dieses atmosphärische Bild bemalen wir – gemeinsam – gestaltend im Gespräch, im Darüber-hinaus-denken und Intensiv-hinein-denken. 

Graz – Theater:  Theatermachen wie Theaterbesuchen in Graz ist von Beziehungsgeflechten gezeichnet, die segmenthaft um ein spezielles Off-Theaterformat kreisen; das die Besucher*innen favorisieren und diesem sie folgerichtig treue Dienste erweisen, legt Reichenbacher ihre Vermutung dar. Gerade deshalb sei es schwierig, neues Publikum – mitunter auch (noch) theaterfernes – anzusprechen und zum Theatervergnügen zu ermutigen.

Facettenreich, das trifft auf Klaudia Reichenbacher zu, das merkt man auf der Bühne ebenso wie im persönlichen Gespräch mit ihr. Ein Theatererlebnis, so Reichenbacher, hat dann seine Pflicht getan, wenn es das Individuum verändert, stimuliert, alternative Blickwinkel aufzeigt. Anders aus dem Theater herausgehen, als man hineingegangen ist, danach strebt Reichenbacher. Das transformative Element im Fluss der theatralen Unmittelbarkeitserfahrung affiziert den Einzelnen, ein gemeinsamer Resonanzkörper konstituiert sich, so könnte man es in Einklang mit Hartmut Rosa sagen. Dabei erfährt Reichenbacher im Laufe ihrer institutionalisierten Berufskarriere selber Unverständnis, stellt schließlich fest: „Ich will wieder verstanden werden“.

Vielfältigkeit: Theater Kaendace erhebt den Anspruch, diese Sehnsucht nach gegenseitigem Verständnis aufzuzeigen, zu verdeutlichen. Es ist zweifelsfrei ein Theater der Vielfältigkeit, des Austausches, der Diskussionslebendigkeit; sowohl in der narrativen als auch in der performativen Ausrichtung. Die Schwerpunktsetzung liegt auf österreichischen oder generell Uraufführungen, darin sieht Reichenbacher eine Nische, deren Ausfüllung sie zur Initiierung von Kaendace motivierte. Die Bandbreite der Themenbearbeitung besticht: historische Texte, Filmgeschichte, Naturerlebnis.

Das Repertoire ebenso: Tanztheater, Literaturtheater, Jugendtheater, Musiktheater, Volkstheater – und vieles mehr, gemischt mit dezidiert theaterpädagogischem Anspruch, das sind die Rezepte für eine bunte Mixtur, die Kaendace auszeichnet. Gesellschaftsrelevanz und Aktualitätsbezug muss es haben, so Reichenbacher, denn Theater ist stets auf der Suche – stets früher als andere Reflexionsmedien. Wichtig für Reichenbacher ist zudem die Unmittelbarkeit, sodass ihre Themen ankommen, gespürt werden; dass vermittelt wird in „einer Sprache, die alle verstehen“, dann „kannst du den Menschen so viel geben.“ Ein Herzensthema für Reichenbacher war und bleibt dabei die Emanzipation der Frau. Auch der Theater-Name ist Programm! Ein Tipp? Am 5. Oktober 2018 wird „Polly Paradise oder Die fünfte Hochzeit“ von Christina Jonke im Grazer Casineum wiederaufgenommen.

Aus ihr spricht ein an Intensität nicht zu steigender Ideenreichtum, wir sind nicht ganz sicher, ob die Ideen für sich selbst sprechen oder Reichenbacher diese ungefiltert aus-spricht.

Das Offensichtliche und das Verborgene. Wenn sie von ihren Projekten schwärmt, über ihre Lehrtätigkeiten von Südtirol bis Deutschlandsberg erzählt, von ihren Engagements und Tätigkeiten an Stadttheatern berichtet und freilich, wenn sie ihre eigenen Produktionen reflektiert, dann hat man stets das Gefühl, hier spricht die pure Leidenschaft, ein Überschwall an Liebe zur Ausdrucksform Theater. Was wir jedoch nicht nur von Grillparzer wissen, sondern ständig auch an uns selbst beobachten können ist, dass diese großen Leidenschaften ambivalent zu betrachten sind, eben auch das Risiko in sich tragen gleichzeitig auch Leid zu schaffen. Gutes Theater ist notwendigerweise Ambivalenzen sichtbar machendes Theater, das sehen wir leibhaftig vor uns. Und wie es eben so ist, mit den Rollen, den Masken und den dahinterliegenden, verborgenen Gesichtern: gänzlich voneinander zu trennen sind sie nicht. In der Maske schimmert ein Teil des Gesichts durch, ja die Oberfläche breitet sich aus auf einem Hintergrund, der diese unausweichlich mitgestaltet. Und schlussendlich ist freies Theater auch immer noch geprägt vom ökonomischen Prekariat, davon berichtet Reichenbacher auch. Ehrlich, reflektierend – immer aus der persönlicher Erfahrung heraus.

Was Reichenbacher aber ganz besonders herausstreicht: Theater ist „Seelennahrung für die Menschen; ein Theatererlebnis, ein Stoff für die Bühne, der seinen Begriff verdient, ist es dann, wenn sich damit die eigene Identität hinterfragen, verändern, formen lässt. Wenn Theater etwas wachrütteln, freisetzen kann im Einzelnen, wenn es das Theater vermag auf Resonanz im lebensweltlichen Zusammenhang des Einzelnen zu stoßen, dann ist es wahrhaftig und wirkungsvoll. Reichenbacher sieht darin insbesondere für Jugendliche großes Potential. Das Potential, sich in angstfreien Räumen zu üben – ein Selbst-Prozess ohne moralischen Fingerzeig. Gerade solche Beobachtungen über das Wechselspiel, die unvergleichlichen Handlungssituation und die darauf fußende Kraft des Theaters geben Auskunft über Reichenbachers reichhaltigen Erfahrungshorizont im Kosmos der Aufführungspraxis.

 

Raffael Hiden und Karin Scaria-Braunstein

Weitere Infos und Termine: https://theaterkaendace.at/spielplan/