„WIR FRESSEN AUF…“ im beschaulichen Rahmen

Antonio Fians Dramolette wissen derzeit im Literaturhaus Graz an runden Tischen zu begeistern. Es ist dem Theater Kaendace zu verdanken, dass diese Texte ihre Qualität nun auch wieder auf der Bühne versinnlichen dürfen.

Zwei Menschen neigen sich einander zu, von einander und von sich selbst weg, lauschen, schweigen, widersprechen. Das Leben eben.
Fian beherrscht es unnachahmlich, die österreichische Seelenlandschaft mit all ihren Widersprüchen pointiert, scharfsinnig zu sezieren und das in knappster Form. Wie Blitze beleuchten sie Alltagszenen und lassen gerade dadurch alternative Beschauungen des scheinbar Normalen zu.  Fian packt hinein, was hinaus muss: Inner- und außerfamiliäre Differenzen, persönliche Defizite, Entsetzen, Beschuldigungen und allen voran Missverhältnisse, die schon nur noch hingenommen werden. Enden werden sie ohnehin mit dem Tod.

Der Spielmann (betörend: Reinhold Kogler) trötet, zupft, raschelt, poltert, knirscht. Besprochen wird in Szenen, was zu beobachten es gilt, in der österreichischen Hochkultur, Wienerschnitzel und Kaisernschmarrn sind wohlfeil obligatorisch. Zusammengenommen eine bekannte Mischung aus Schlabarett, Doppelconférence und Sissy Kramer (wundervoll im Wiener Jargon: Klaudia Reichenbacher) pfeift dem Publikum 19 Kurz-Szenen in einer satten Stunde um die Ohren. Aufmerksamkeit wird verlangt, denn oberflächlich ist das höchstens oberflächlich.

Es ist diese Unmittelbarkeit und Eindringlichkeit des Geschehens, die das Publikum sofort hineinzieht in den Sog der Szenerie. Was dadurch sich entfaltet: mehr als ein Sinnbild der Zeit, mehr als ein Verstehensangebot unserer aktuellen Problemlagen und Ambivalenzen.
Die Szenenabfolge an diesem Abend umfasst sämtliche Gemütszustände, ist manchmal heiter, an anderen Stellen tiefsinnig aber immer mit wohldosiertem, klugem Humor. Diese dramaturgisch gekonnt verwendeten Brüche werden von Klaudia Reichenbacher und Alexander Mitterer leidenschaftlich dargeboten. Mitterers Vorzüge liegen im zärtlichen Ausdruck seiner verschiedenen Charaktere, insbesondere aber im fürsorglichen Umgang mit seinen Figuren. Er versteht es sehr gut, sich sorgsam in die Rollen einzufühlen und diese Rolle nicht kommentierend darzustellen, sondern ihrem Wesen nach. Reichenbachers Performanz ist elegant, Sprachduktus und körperlicher Ausdruck überzeugen. Ganz besonders in der stummen Königin der Nacht; da baut sich die Hölle schon auf, aus der die Mutter ihre Rachegelüste gewinnt.

Das Bühnenbild ist funktional variabel, gleichviel wie die scheinbaren Werte, die am Prüfstein stehen. Inhalt und Form vollziehen keinen clash of culture, der Kulturkampf wütet in der politikgeplagten österreichischen Seele, ganz besonders in der kärntnerischen (Alexander Mitterer mimt die Haiderverehrung in Bestform), die oft festhängt in der träumerisch-selektiven Geschichtserzählung. Wenn auch die Welt selbst in Österreich nicht stehenbleibt, bleibt doch der Verstand der Volksstimme mitten auf der Strecke liegen. Schwer zu akzeptieren scheint es, dass die Bewegung von Raum und Zeit, die Veränderungen Möglichkeiten eröffnen und nicht zur (wiederkehrenden) stotternden Stockstarre führen müssen.

Immerhin: wir können darüber lachen.
Wohlwollender, anerkennender Applaus, der schmunzelnd geklatscht wird.

Raffael Hiden & Karin Scaria-Braunstein

Tipp: https://theaterkaendace.at/