Axel Hacke: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“. Eine Besprechung

Hacke Axel, 2017, Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen. München, Kunstmann, 192 Seiten, ISBN-13: 978-3956142000

Selbstverständlichkeiten fordern heraus, im Leben und im Denken und insbesondere in der Verbindung von Leben und Denken. Der deutsche Kolumnist der Süddeutschen Zeitung, Axel Hacke, widmet sich in seinem aktuellen Buch (2017) einer dieser Selbstverständlichkeiten: dem Anstand. Er versucht insbesondere zu erörtern, wie es um den gepflegten Umgang miteinander, der Achtung des Anderen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft bestellt ist. Aber es bleibt bei dem Versuch, denn es werden dahingehend weder Begriffe geklärt noch tatsächliche Problemfelder im Alltag benannt.

Ein Buch als disharmonisches Konglomerat, in dem unsystematisch, konzeptlos und ohne nur erahnbaren roten Faden aneinandergereiht wird, was Hacke zum Thema Anstand einfällt. Ohne zu klären, was denn überhaupt Anstand ausmacht, welche Konstitutionsbedingungen und welche Funktionen anständiges Handeln für das gesellschaftliche Zusammenleben hat, ist es unmöglich, angemessen darüber zu sprechen. Leidig ist es, die ausgeklügelte Sprachphilosophie des Ludwig Wittgenstein aus dem Kontext zu zerren und auch hier zu erwähnen, aber dennoch passend. Es passt einfach; nun, wir wandeln etwas ab: Worüber man nicht sinnvoll sprechen kann, darüber soll man auch gar nicht erst zu sprechen beginnen.

Der Beginn ist es auch, der das wesentliche Problem in diesem Buch darstellt. Denn: Es gibt keinen, er lässt sich nicht so recht erkennen. Die Lektüre kommt nicht in Gang, weil nicht klar wird, wohin der Autor gehen und vor allem mit welchen Mitteln er dorthin will. Zudem wird durchwegs auf Zeitungsartikel verwiesen, allerdings ohne Datierung und konkreten Quellennachweis. Die unsaubere Zitation folgt insofern auch der strukturlosen Argumentation. Auch wenn dabei politische Prozesse und prägende Ereignisse der jüngsten Zeit thematisiert werden, auf Geschichten und Anekdoten aus dem Feuilleton Bezug genommen wird, bleibt offen, inwiefern diese in einem übergreifenden Zusammenhang stehen und was sich dadurch über den Anstand in schwierigen Zeiten ableiten lässt.  Wenn dann auch noch das Wesen der Dummheit, ohne Begründung und – es muss wohl so sein – aus der puren Lust zur Diffamierung, durch Lothar Matthäus und Verona Poth versinnbildlicht wird (S. 144), dann ist es an der Zeit das Buch doch wegzulegen.

Und wer es trotz allem nicht zuklappen kann, wird auf den letzten beiden Seiten noch eine Auflistung themenrelevanter Literatur vorfinden. Es ist – natürlich – eine Auswahl der Literatur, auf die im Text referiert wird. Gänzlich unverständlich bleibt, warum hier nicht auch die Zeitungsartikel angeführt werden, vor denen es im Text geradezu sprudelt.

Insgesamt kann das Buch selbst als ein Beitrag zur anstandslosen Verwertbarkeit von Literatur in kapitalistischen Zeiten gelesen werden. Insofern sagt das Buch wohl mehr über den aktuellen Literaturbetrieb und das Verlagswesen aus als über die eigentlichen literarischen Fähigkeiten des Autors. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Zweifellos aber haben wir es mit einem Buch ohne Anstand der Sprache gegenüber zu tun. Es könnte auch heißen: Über die Schwierigkeiten des Anstands im Umgang mit den Seiten.

 

Raffael Hiden

 

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